Bewusst herbeigeführte Verzerrung

Ich soll hier nun was ueber Bath bloggen, so als Gastbeitrag, damit der Yannick sich ein ruhiges Wochenende machen kann, denke ich mal. Neumodischer Kram, frueher gab’s das ja alles noch nicht…

Viel gibt es nicht zu berichten: Ich promoviere vor mich hin, arbeite an verschiedenen Projekten, schreibe Antraege fuer Foerdermittel und ab und an finde ich Zeit fuer ein Pint. Aber nicht viel, dafuer gibt es zu viel zu tun. Und der Forscher-an-sich ist ja immer irgendwie im Dienst und versucht, sich und anderen die Welt zu erklaeren. In diesem Zusammenhang ist mir in den letzten Monaten mehr als je zuvor klar geworden, dass die wesentliche Eigenschaft der Briten-an-sich die Uebertreibung ist. „Halt!“, wird nun jemand einwenden, „Das ist doch seit eh und je das Understatement!“Ich aber meine, dass dies nur die andere Seite der selben Sache ist: Understatement ist gewissermaßen Uebertreibung mit negativem Vorzeichen.

Klassisch uebertreiben die Briten es nachwievor am Wochenende, wenn fast das gesamte Land sich kollektiv dem Rausch hinzugeben scheint. Das ist ja nicht neu und auch hinreichend bekannt: Horden betrunkener Frauen in zu kurzen Roecken und zu sommerlich-transparenter Oberbekleidung torkeln die Strasse entlang, finden stolpernd ihren Pfad durch Gruppen hemdtragender Maenner, die nach dem meist hastigen Genuss von mindestens 6 Pints – das ist bei einigen noch wenig – ohne gegenseitige Unterstuetzung nicht mehr alleine aufrecht stehen koennen. Das haelt sie, die Maenner, jedoch nicht davon ab, gestisch und lautlich den Wunsch nach Kontaktaufnahme, so muss man das wohl interpretieren, mit den Frauen auszudruecken. Wer dies fuer typisch maennlich haelt, irrt jedoch. Die Emanzipation hat es auch irgendwie auf die Insel geschafft, so dass die Binsenweisheit lautet: die einzige Sache, die schlimmer ist als auf ein betrunkenes Rugbyteam zu stossen, ist auf eine Horde betrunkener Rugbyspielerinnen zu treffen. So sagen es wohl Eltern zu ihren Soehnen, wenn sie freitags in die Stadt gehen. Wen wundert es da, nebenbei bemerkt, dass mit Darwin ein Brite auf die Idee kam, es koennte vielleicht eine Verbindung zwischen Mensch und Affe geben?

Aber Uebertreibung ist ja ueberall. Seit Februar habe ich mich einer Laufgruppe angeschlossen, die sich zweimal pro Woche trifft und dann in Gruppen aufteilt, die unterschiedlich lange Strecken in unterschiedlicher Geschwindigkeit laufen. Bisweilen mache ich bei Laeufen auf der Bahn mit, das nennt sich dann speed-endurance session und man wetzt mal schneller, mal langsamer im Kreis bis man nicht weiss, ob man gleich platzt oder doch mit etwas Glueck vorher ohnmaechtig wird. Das ist bisweilen ganz schoen anstrengend und wird auch davon nicht besser, dass ich in diesen Uebungen nicht nur von den midlife-crisis geschuettelten Maennern, sondern auch von Muettern jenseits der 40 abgehaengt werde. Ich, abgehaengt von reinen Freizeitlaeufern! Damit muss man erstmal klar kommen. Aber die Briten, fuer die das ganze Dasein ja auch mitunter ein „rat race“ ist, sind ganz schoen schnell.

Deshalb ziehe ich eigentlich die Querfeldeinstrecke vor. Dann geht es von der Uni, die auf einem Hochplateau am Stadtrand liegt hinab in eines der inzwischen sehr gruenen Taeler zum Kanal oder Fluss, durch kleine Doerfer mit Haeusern aus grauem Stein, ueber Feldwege und steile Haenge wieder hinauf zum Ausgangspunkt. Dabei kann es schon mal vorkommen, dass die als 5 Meilen angekuendigte Strecke in knapp 50 Minuten bewaeltigt wird oder auch mal in 90. Dies kann natuerlich entweder daran liegen, dass Raum und Zeit dehnbar sind, oder daran, dass die group leader ein aehnlich diffuses Verstaendnis von Meilen haben wie ich.

Vor zwei Wochen, typisch April/Mai/Juni usw., fing es zu allem Ueberfluss unterwegs an zu regnen, nachdem nachmittags die Sonne geschien hatte – und bitterkalt wurde es auch. Das war aber kein Grund, den Plan umzuwerfen und die Strecke zu verkuerzen, denn waehrend mir die Brille beschlug und ich keine drei Meter sehen konnte, meinte jemand, das Wetter „could be worse. At least it’s not snowing“. Dem ist wohl wenig entgegenzusetzen – wie soll man auch, waehrend man hechelnd und gleichzeitig zitternd in der Gegend rumlaeuft? Aber so kann man das wohl ewig weiter treiben bis man ueber Sturm und Gewitter bei Erdbeben und irgendwann auch den apokalyptischen Reitern ankommt: „It’s not too bad.“ – Man stelle sich das mal beim juengsten Gericht vor, wenn die Jury aus Briten bestuende…

Man sollte aber nachsichtig sein. Widrige Umstaende wie mieses Wetter und Horden betrunkener Frauen lassen einem wohl auf Dauer keine andere Wahl als Uebertreibung und understatement zu seinem raison d’etre zu machen. Man sieht die Welt dann mit einem zwinkerndem Auge, was nicht zuletzt eine bewusst herbeigefuehrte Verzerrung bedeutet. Da mag man noch so sehr den Regen verfluchen oder dass sich fuenf Meilen auch mal anfuehlen wie acht, durch Uebertreibung stellt sich die Situation ploetzlich als annehmbar dar – man zwinkert sie sich schoen. Und ich habe die Gewissheit, dass diese Leute ja noch nicht das Paradies gesehen haben. Im Juni werde ich wieder in Freiburg vorbei schauen.

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  • [...] Freunde-Update Jump to Comments Mal wieder was neues auf der Freunde-Seite: Hannes schreibt aus Bath, UK. Leicht bekleidete Rugbyspielerinnen, speed endurance sessions und das jüngste Gericht – all das in seinem Bericht. [...]


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