Liebe Blog-Leser!
Da Yannicks wundervolle Homepage inzwischen fast ebensoviele Hits hat wie Google, kann ich nicht davon ausgehen, dass mich alle kennen: Ich heiße Nicolas, studiere mit Yannick in Freiburg und befinde mich gerade zu einem Erasmus-Semester in Wien – ja, Wien, diese exotisch-fremde Stadt aus „Der Dritte Mann“, die ganz im Osten von Großdeutschland liegt. Viele Kollegen (so sagt man hier für „Kommilitonen“ und das gefällt mir auch viel besser, weil es ein bisschen nach Berufsleben klingt und ich „Kommilitone“ auch nie richtig aussprechen konnte) aus Freiburg haben mich gefragt, warum ich nicht in einem der schönen fremdsprachigen Länder Europas – Spanien, Frankreich, England o.ä. – mein Erasmus-Semester gemacht habe. Ich habe immer geantwortet: Ach was, England, mit Deutsch kommt man ja heutzutage überall durch.
So dachte ich jedenfalls, bevor ich nach Wien kam! Schon in Freiburg wird man ja verdutzt angeguckt, wenn man nach einem „Brötchen“ beim Bäcker fragt, bestellt man in Wien im Kaffeehaus aber schlicht einen „Kaffee“, womöglich noch mit Betonung auf der ersten Silbe, kann man eigentlich gleich „Heil Hitler, Herr Ober!“ rufen – als Deutscher ist man dann jedenfalls geoutet. Richtig heißt es „Melange“ oder „Kleiner Schwarzer“ oder „Kleiner Brauner“ oder „Verlängerter“. Wofür das steht, verrate ich aber nicht, um jedem deutschen Österreichreisenden auch künftig erfrischende Fremdheitserfahrungen zu ermöglichen, aus denen die Österreicher immerhin ihr Nationalbewusstsein schöpfen: Nur deutsche Touristen, die falsch im Restaurant bestellen, können das berühmte herablassende Lächeln österreichischer Kellner-Arroganz hervorrufen, und nur zwischen der extremen Unfreundlichkeit der wiener Kellner gegenüber der touristischen Ignoranz der Deutschen entsteht die Grenze zwischen Österreich und Deutschland.
Wien ist eine Stadt der Extreme, in jeder Hinsicht. Eigentlich schreit jedes Gebäude der Stadt: „Kaiser, komm zurück!“, aber Otto von Habsburg lebt in Deutschland und ist über neunzig Jahre alt; auch allwöchentliche Interviews in konservativen österreichischen Tageszeitungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die k.u.k.-Demokratie eben einen Kanzler hat. Dass der aber auch noch „GusenBAUER“ heißt, ist natürlich gemein, da hätte man doch jemanden mit pompösem Namen wählen können, „Ortolf von Windischgrätz“ beispielsweise oder „Herbott von Füllenstein“. Und der Bundespräsident heißt Heinz Fischer – also wirklich. Wo gibt es in Österreich denn Fischer? Ihre ungeliebte Demokratie in den grandiosen Repräsentationsbauten der Donaumonarchie kompensieren die Wiener mit einem lustigen Titelwahn: Man spricht sich an mit „Frau Magister“ oder „Herr Doktor“, ja, der Großvater eines Freundes von mir wird – ohne Ironie! – „Herr Hofrat“ genannt. In der Uni findet ebenfalls ein ständiger Kampf der Extreme statt zwischen rechtsnationalen, teilweise kaisertreuen Verbindungsstudenten und der linken antifa Wien, welche die „Wiederbesetzung Österreichs durch die Alliierten“ sowie „Endliche Entnazifizierung Österreichs!“ fordert: Auch dies kein Scherz.
Aber auch klimatisch ist Wien eine Stadt der Extreme: Bei extrem kühlen Außentemperaturen (Ostwind!) meint man, in Kaffeehäusern und Bibliotheken entsprechend extrem aufheizen zu müssen, sodass man, bei häufigem Wechsel zwischen Innen und Außen, stets das Gefühl hat, leicht fiebrig, schwach und benebelt zu sein. In meiner Magisterarbeit werde ich versuchen, nachzuweisen, dass dieses Faktum für die gesamte Literatur und Kunst der sogenannten Wiener Moderne der Jahrhundertwende mit ihren fiebrigen femmes fragiles in benebelten Inneren Monologen von blassen Ästhetizisten verantwortlich ist. Arbeitstitel: „Hofmannsthals Heizung“.
Ebenso extrem sind die verschiedenen Grade von Attraktivität der Stadtteile: Wer nur den 1. Bezirk kennt, mag schnell glauben, dass Wien die schönste Stadt Europas sein muss: So viele Prachtsäle und -gebäude in unterschiedlich echtem Stile findet man sonst höchstens in Prag. Wer allerdings im 23. Bezirk wohnt – moi! – der mag schnell glauben, dass der Ostblock doch zumindest geschmacklich auch in Österreich Fuß zu fassen vermochte. Hier, im kleinbürgerlichsten und ausländerfeindlichsten aller Stadtteile, wohne ich mit meiner Freundin in einem kleinen, ziemlich heruntergekommenen Zimmer im Wohnheim. Wir teilen uns eine Küche und also auch nur einen Kühlschrank mit fünfundzwanzig bärtigen und sehr religiösen Pakistani, die alle – ALLE! – in Chemie promovieren. Wer – wie ich leider durchaus – nicht mit einer grenzenlosen Vorurteilslosigkeit gesegnet ist und noch dazu Spiegel liest („Pakistan – Das gefährlichste Land der Welt“; ja, Yannick, ich weiß, der Spiegel…), den mag das schnell das Fürchten lehren. Ich habe aber Glück gehabt, denn meine Freundin ist ohne Berührungsängste auf die Welt gekommen und der wohl sozialste Mensch der Erde, weswegen wir uns nun schon mehrmals mit drei sehr lieben Pakistani zum Essen verabredet haben: Ich habe mich überzeugt, liebe Menschen: Aus Wien Liesing ist keine Terrorgefahr zu befürchten! In einer Zelle leben wir hier trotzdem.
Um also zusammenzufassen: Wien ist eine rätselhafte, aber wunderbare Stadt und es ist sehr schade, dass ich schon in einer Woche wieder nach Deutschland zurück muss. Ich habe hier einige gute Freunde gefunden und ein witziges, erfahrungsreiches Semester verlebt! Es war schön, endlich mal wieder in einer Stadt zu wohnen, die ein anständiges Theater hat und eines der bedeutendsten Museen Europas. Trotzdem merke ich – oh weh! Das dürfen meine Eltern nie erfahren! -, dass Freiburg mir doch sehr ans Herz gewachsen und mir in jeder Hinsicht zur Heimat geworden ist. Ich freue mich sehr darauf, wieder zurück zu kommen und diejenigen von euch, die ich schon kenne, endlich wiederzusehen bzw. diejenigen von euch, die ich noch nicht kenne, endlich kennenzulernen: Freiburg ist nicht groß, man sieht sich!
Herzliche Grüße (noch) aus Wien,
Nicolas